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„Zuerst kommt die Wohnung, dann der Rest“

Angesichts des bevorstehenden Winters und aufgrund eines kürzlich erschienen Zeitungsartikels richtet die Caritas ihr Augenmerk auf das Thema Obdachlosenarbeit, so wie sie derzeit geführt werden muss, die Arbeitsweise und die Vision der Caritas im Bereich „Wohnen“ und das Problem der Obdachlosen in Südtirol allgemein.

Derzeit führen wir 10 Einrichtungen für Obdach- und Wohnungslose in Südtirol und beherbergen darin rund 400 Personen. Geführt werden diese Einrichtungen im Auftrag der Gemeinden oder dem Betrieb für Sozialdienste der Stadt Bozen. Würde man unter den Gästen eine Umfrage machen, so würden sich wohl gar einige mit diesen Unterkünften unzufrieden zeigen: In Zimmern für 2 bis 4 Personen zusammenzuleben, mit gemeinsamen Badezimmern, ohne die Möglichkeit, sich selbst etwas kochen zu können, mit einer auf das Minimalste reduzierten Privatsphäre, ist bestimmt nicht das, was man sich gemeinhin als „Wohnen“, als „Zuhause“ vorstellt. Doch in Südtirol gelten derzeit noch diese Modelle der Obdachlosenarbeit, die dem sogenannten „Stufenmodell“ folgen: Die niedrigste Stufe dabei ist die Straße, dann folgt das Nachquartier, in dem man eine Schlafstatt für die Nacht bekommt, schließlich kommt eine Aufnahme in jene Einrichtungen, welche als Schlafsäle mit einer warmen Mahlzeit konzipiert sind. Ziel dieses Stufenmodells ist der Auszug in eine eigene Wohnung. Das mag vor Jahren vielleicht funktioniert haben, inzwischen haben sich auch die Obdach- und Wohnungslosen stark verändert: Die „neuen“ Obdach- und Wohnungslosen sind junge arbeitende Menschen, Geschiedene oder Getrennte, Frauen, die vor Gewalt flüchten.

Seit längerem fordert die Caritas deshalb, dass eine eigene Wohnung nicht das Endziel dieses Weges sein soll, sondern gleich schon der Beginn; schließlich ist das ein Grundrecht eines jeden Menschen. Wenn eine obdachlose Person in einer Wohnung untergebracht wird, kann sie besser in dieser Wohnsituation, die ja der reellen entspricht, unterstützt werden, kann mit ihr sozialpädagogisch gearbeitet werden, damit sie sich beim selbständigen Wohnen besser, ja gut zurechtfindet. Hierfür wäre ein Paradigmenwechsel notwendig, ohne die Notwendigkeit von Notaufnahmeeinrichtungen zu schmälern. Erfolgreiche Modelle in Europa – besonders im Norden - zeigen, dass dieser Ansatz des „Housing first, Housing led“ (zuerst kommt die Wohnung, dann der Rest) viel effektivere Ergebnisse erzielen als das vorher erwähnte Stufenmodell.

In Meran z.B. führen wir 10 Kleinwohnungen (mit Bad und Küche), die mit dem Obdachlosenhaus Arché verbunden sind, und wo wir dieses neue Modell bei der Arbeit mit Obdachlosen anwenden. Hier entwickeln wir Projekte mit dem Ziel, die „obdachlosen“ Bewohner wieder in die Gesellschaft, in die Gemeinschaft einzugliedern, indem sie Sichtbarkeit und Würde zurückbekommen – ein Modell, das wir für zukunftsträchtig halten. In diesen so genannten „Trainingswohnungen“ begleiten wir die Menschen zu einem autonomen Leben, unterstützen diese Wiederaufnahme in die Gesellschaft, indem Freiwillige, Vereine, Pfarrcaritasgruppen und andere mit eingebunden werden. Das „Training“ besteht darin, die Bewohner beim Einkaufen, Kochen, Reinigen der Wohnung zu begleiten, sich im Netz der Dienstleistungen zurechtzufinden und sich schließlich auf dem privaten oder sozialen Wohnungsmarkt eine eigene Wohnung zu suchen.

Und hierzu gehört auch die Bezahlung einer (niedrigen) Miete. Denn sobald die von uns betreuten Personen die „Trainingswohnungen“ verlassen, müssen sie auch darauf vorbereitet sein, am Ende des Monats die Miete bezahlen zu können, ihr Einkommen so einzuteilen, dass am Monatsende noch genug dafür da ist und sie nicht in Probleme oder Schwierigkeiten geraten, die ihre vollständige Wiedereingliederung gefährden. Ebenso verhält es sich in unseren Obdachloseneinrichtungen: Auch hier wird ein kleines Entgelt verlangt – sozialpädagogisch ist es auch für die Betroffenen wichtig, nicht einfach etwas nur geschenkt zu bekommen. In den Obdachloseneinrichtungen in Bozen sind dies z.B. 30 Euro im Monat, sofern machbar, bzw. 10 Prozent des Gehalts, wenn jemand arbeitet. Dies hat die Bozner Gemeindeverwaltung so festgesetzt.

Der bekannte Ausspruch „Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen und du ernährst ihn für sein Leben“ gibt am besten wieder, wie wir als Caritas unsere Wohn- und Obdachlosenstrukturen führen und führen möchten. Unser Ziel ist es, dass die von uns Betreuten nach dem „Training“ lebenslang unabhängig wohnen können und nicht lebenslang von irgendeiner Sozialeinrichtung abhängig sind.

Danilo Tucconi, Leiter des Bereiches „Wohnen“ der Caritas

Trainingswohnung in Meran

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