Tag der offenen Tür im Haus der Gastfreundschaft: von der Straße zurück in ein selbstständiges Leben

Tag der offenen Tür im Haus der Gastfreundschaft: von der Straße zurück in ein selbstständiges Leben
Im heurigen “Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung” hat die Caritas Diözese Bozen-Brixen zu einem Tag der offenen Tür im Haus der Gastfreundschaft in Bozen eingeladen. Sie führt das Haus für obdachlose Männer seit fünf Jahren im Auftrag des Betriebes für Sozialdienste Bozen. Heute hatten Nachbarn und Interessierte die Gelegenheit, das Haus und die Situation der Männer näher kennen zu lernen. Dabei wurde klar, wie sich das Haus in den vergangenen fünf Jahren verändert hat: von einer Notschlafstelle zu einer Einrichtung, die den Männern außer einem Schlafplatz, Essen und Waschgelegenheit vor allem Hilfe und Unterstützung für den Neubeginn bietet. Viele der Männer haben schwierige Lebensgeschichten und versuchen Abhängigkeits- und psychische Probleme in den Griff zu bekommen. Seit einem Jahr werden auch vermehrt Männer aufgenommen, die aufgrund der Wirtschaftskrise ihre Existenzgrundlage verloren haben und auf der Straße gelandet sind. „Obdachlose Menschen brauchen spezifische Hilfestellungen, um aus ihrem Schattendasein am Rand der Gesellschaft in ein selbstbestimmtes Leben zurück zu finden“, erklärte Caritas-Direktor Heiner Schweigkofler.

Sich kennen lernen und Vorurteile abbauen: das war das Ziel des Tages der offenen Tür, der heute im Haus der Gastfreundschaft in der Bozner Trientstraße stattgefunden hat. Nachbarn und Interessierte waren eingeladen, ein paar Stunden lang gemeinsam mit den Gästen und MitarbeiterInnen der von der Caritas Diözese Bozen-Brixen geführten Einrichtung für obdachlose Männer zu verbringen. Vor dem Haus lud ein Informationsstand zum Verweilen und Eintreten ein. Dort gab es Unterlagen über die Obdachlosenarbeit der Caritas und über die europaweite Caritas-Kampagne gegen die Armut, an der sich auch die Südtiroler Caritas beteiligt. Im Haus waren Fotos ausgestellt, auf denen die Männer Momente aus ihrem Leben und aus ihrem Alltag im Haus festgehalten haben. In den Bildern und in Gesprächen mit MitarbeiterInnen und Gästen wurde deutlich, wie unterschiedlich die Ursachen sind, die diese Menschen aus der Bahn geworfen haben und wie schwierig es ist, von der Straße zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu finden. „Mit dem Tag der offenen Tür wollen wir Sensibilität und Verständnis fördern und damit zum Abbau von Vorurteilen beitragen. Wichtig sind uns vor allem die Beziehungen mit den Nachbarn in den umliegenden Wohnhäusern“, erklärte Danilo Tucconi, der Leiter des Hauses der Gastfreundschaft.

Noch vor wenigen Jahren war das Haus der Gastfreundschaft als „Schlafstelle in der Trientstraße“ bekannt. Die Caritas Diözese Bozen-Brixen hat bei der Übernahme der Führung des Obdachlosenhauses das Konzept in Absprache mit dem Betrieb für Sozialdienste Bozen geändert. Neben Unterkunft, Verpflegung und Waschgelegenheit wird seitdem ein besonderes Augenmerk auf die sozialarbeiterische Tätigkeit gelegt. Die Männer werden gefördert und auf dem Weg in Richtung Neuanfang begleitet. „Das Haus wurde und wird auch heute noch leider oft wie ein Sammelbecken für Unglück und Not gesehen“, erklärt Tucconi. Wir möchten den Menschen draußen zeigen, dass dies nicht so ist. Die Männer im Haus sind vielleicht zerbrechlicher als andere, sie sind weniger widerstandsfähig und haben mit vielen Problemen zu kämpfen. Doch sich geben sich große Mühe, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Einige der Männer arbeiten, andere sind auf Arbeitssuche. Sie möchten wieder ein „normales“ Leben führen wie alle anderen auch – mit Höhen und Tiefen“, so Tucconi weiter.

Im Haus der Gastfreundschaft ist Platz für 32 obdachlose Männer, die neuen Anschluss an die Gesellschaft suchen und dabei Unterstützung brauchen. Die Aufnahme erfolgt über die Vermittlung von Sozial- und Gesundheitsdiensten. Im vergangenen Jahr 2009 haben 90 Männer dort eine Unterkunft gefunden, 15 mehr als im Jahr zuvor. In den vergangenen Jahren haben sich die Problematiken der Gäste verändert. Während früher vorwiegend Männer aufgenommen wurden, die aufgrund von Abhängigkeitsproblemen und psychischen Schwierigkeiten auf der Straße gelandet sind, werden derzeit immer mehr Männer aufgenommen, die ihren Arbeitsplatz und ihre Existenzgrundlage verloren haben und weder Miete, noch Unterhaltszahlungen oder andere Rechnungen zahlen konnten. „Diese Männer haben ihr Leben lang gearbeitet, aber zu wenig verdient, um sich einen finanziellen Polster aufzubauen. Jetzt, wo sie etwas älter sind und so zu sagen vom Produktionszyklus ausgeschlossen wurden, tun sie sich schwer, eine neue Arbeit zu finden. Wenn sie kein soziales und verwandtschaftliches Netz haben, das sie auffängt, landen sie auf der Straße und kommen dann zu uns“, erläutert Danilo Tucconi. Das Durchschnittsalter der Gäste im Haus der Gastfreundschaft liegt zwischen 45 und 49 Jahren.

Jeder Mann im Haus der Gastfreundschaft wird individuell begleitet; von Sozial- und Gesundheitsdiensten oder von anderen Caritas-Fachdiensten. Manche der Männer warten auf die Aufnahme in ein Therapiezentrum, um Abhängigkeits- und gesundheitliche Probleme in den Griff zu bekommen; andere absolvieren berufliche Umschulungskurse; einige haben bereits einen Arbeitsplatz gefunden und warten noch auf eine Sozialwohnung. Im Haus finden sie rund um die Uhr qualifizierte GesprächspartnerInnen, die ihnen ohne Vorurteile begegnen und helfen, ihr Selbstvertrauen wieder zu finden, das sie während ihres Lebens auf der Straße verloren haben. „Die persönlichen Stärken und die Fähigkeiten der Männer sind zum Teil durch das, was sie auf der Straße erlebt haben, verschüttet. Doch sie sind noch da. Einige der Männer sind gute Maurer, Tischler, Köche, Gärtner und Arbeiter. Sie verstehen ihr Handwerk. Mit unserer Unterstützung können sie wieder zu einem geregelten Rhythmus zurückfinden und den Schritt in ein selbstbestimmtes Leben wagen“, so Tucconi.

Beim Tag der offenen Tür waren unter anderem Bruno Marcato, der Direktor des Betriebes für Sozialdienste Bozen und Caritas-Direktor Heiner Schweigkofler anwesend. „Als wir die Führung des Hauses der Gastfreundschaft übernommen haben, war für uns klar, dass wir mit den Männern arbeiten und ihnen ein Leben fernab der Straße ermöglichen möchten“, erklärte Schweigkofler. Der heutige Tag der offenen Tür sei die Gelegenheit, die gemeinsame Arbeit auch nach außen hin bekannt zu machen und für die Nöte dieser Menschen zu sensibilisieren.


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