Pflege in Südtirol: ein umfassendes Betreuungsangebot tut Not

Pflege in Südtirol: ein umfassendes Betreuungsangebot tut Not
Die Gesellschaft wird älter, die Bedürfnisse ändern sich und damit die Anforderungen an das Gesundheits- und Sozialsystem. Auch Südtirol muss sich diesen neuen Herausforderungen stellen. Das wurde bei der Fachtagung zum Thema „Menschen betreuen und pflegen“ deutlich, die heute im Bildungshaus Lichtenburg stattgefunden hat. Auf Einladung der Caritas Diözese Bozen-Brixen, moderiert von Caritas-Direktor Heiner Schweigkofler und im Beisein von Landesrat Richard Theiner untersuchten namhafte ReferentInnen die derzeitige Situation in Südtirols Pflege- und Betreuungslandschaft. Sie zeigten unter anderem alternative Wohn- und Betreuungsmodelle auf, die in den Nachbarländern bereits erfolgreich angewendet werden. Angesprochen wurden bei der Tagung auch die beruflichen Perspektiven von professionellen Pflegekräften und Maßnahmen zur Gewaltprävention in der Pflege.

„Alt, älter, kränker, teuer, kollektiv unfinanzierbar. So ist die gängige Einschätzung zur Gesundheit und zur medizinischen Versorgung unserer älter werdenden Gesellschaft“, stellte Christan Wenter, Primar der Geriatrie am Meraner Krankenhaus, in seinem Referat bei der Pflege-Tagung der Caritas in der Lichtenburg in Nals fest. Dabei habe sich die gesundheitliche Qualität der Menschen parallel zur Zunahme der Lebenserwartung erheblich verbessert. „Freilich haben wir es inzwischen zunehmend mit chronischen Krankheiten, funktionellen Beeinträchtigungen und eingeschränkter Selbstversorgungskompetenz zu tun“, erklärte Wenter. Es gelte daher zu versuchen, den sich ändernden Herausforderungen vorausschauend eine Richtung zu geben. Das unterstrich auch die Leiterin der Caritas Hauspflege, Paula Tasser. „Pflege und Betreuung befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen knapper werdenden Ressourcen einerseits und bewusster Förderung der häuslichen Pflege andererseits“, erklärte Tasser. Sie plädierte für ein funktionierendes, verlässliches und vor allem klientenorientiertes Betreuungs- und Pflegeangebot als wichtige Stütze für die gesamte Gesellschaft.

In Südtirol gibt es zur Zeit ca. 12.500 pflegebedürftige Senioren. Ein Drittel davon wird in Heimen betreut, zwei Drittel zu Hause; mit oder ohne Unterstützung durch ambulante Fachdienste. „Durch die Pflegesicherung haben sich die finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen in der Pflege geändert“, erläutete Luca Critelli, Direktor des Amtes für Senioren und Sozialsprengel. Neben der Pflege zuhause oder in Heimen werde vermehrt Unterstützung durch ambulante Dienste, durch Tagespflegeeinrichtungen oder in betreuten Wohnformen in Anspruch genommen. Helmut Prantner, Direktor des Öffentlichen Betriebes für Pflege- und Betreuungseinrichtungen „Zum Heiligen Geist“ in Brixen, bestätigte, dass teilstationäre Betreuungsformen wie Kurzzeitpflege, Tages- und Nachtpflege auch innerhalb der Alters- und Pflegeheime vermehrt nachgefragt werden. Er sprach sich außerdem für neue Modelle vor allem in der räumlichen Strukturierung von Betreuungseinrichtungen aus. „Durch kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften mit einer geringen Anzahl von Betreuten, könnten alte Menschen familiäre Normalität und Geborgenheit erleben und durch die Teilnahme an alltäglichen Tätigkeiten Mitbestimmung und Lebenssinn erfahren“, so Prantner.

Ein solches alternatives Wohn-Modell stellte Christian Klotzner, Präsident der Stiftung St. Elisabeth, vor. Es handelt sich dabei um Wohnanlagen nach dem Prinzip „Lebensräume für Jung und Alt“, wie sie in Deutschland und Luxemburg bereits seit Jahren erfolgreich umgesetzt werden. Das Projekt sieht zentral gelegene, modern geplante Wohnungen vor, in denen ältere und alte Menschen, Kinder, junge Familien, Alleinerziehende und benachteiligte Menschen ein zu Hause finden. „Lebensräume für Jung und Alt“ sind kein Altenheim und kein Altenghetto, sondern Orte der Gemeinschaft, in denen die Nachbarn sich einander kennen und gegenseitig unterstützen“, erklärte Klotzner. Gemeinwesenarbeiter schaffen Begegnungsmöglichkeiten, bringen Jung und Alt in Kontakt, fördern Engagement und Eigeninitiative im Sinne der Hausgemeinschaft und vermitteln nachbarschaftliche oder professionelle Hilfen. „In diesem Sinn ist das Modell ‚Lebensräume’ eine Bereicherung für alle Generationen und eine notwendige Ergänzung zu den bestehenden Angeboten“, betonte Klotzner.

Der Dekan der Freien Universität Bozen, Prof. Walter Lorenz sprach die beruflichen Perspektiven im Bereich der Pflege an. „Pflege als traditionell weiblicher Gesellschaftsbeitrag steht derzeit in der Spannung zwischen niedriger professioneller Anerkennung und hoher idealistischer Wertschätzung“, erklärte Lorenz. Angesichts demographischer und ökonomischer Veränderungen sei es unerlässlich, Wege zu finden, um diesen Widerspruch zu überwinden.

Das sensible Thema der Gewalt gegen pflegebedürftige Menschen in ambulanten und stationären Betreuungseinrichtungen und im privaten Bereich erörterte Paul Wagener vom Pflegedienst „Hellëf Doheem“, Luxemburg. Er betonte die Wichtigkeit von Maßnahmen zur Gewaltprävention gerade den Bereichen Pflege und Betreuung.

Fazit: Die Gesellschaft ändert sich und damit auch die Bedürfnisse von pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen. Auch in Südtirol sollte dieser Entwicklung mit neuen Betreuungsmodellen und mit Unterstützungsangeboten für pflegende Angehörige und Fachkräfte Rechnung getragen werden. „Pflege und Betreuung sind Elemente einer solidarischen Gemeinschaft, die sich besonders auch um jene kümmert, die auf Hilfe angewiesen sind“, betonte Caritas-Direktor Heiner Schweigkofler.
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