HIV-Betroffenene brauchen Zuspruch und menschliche Wärme“

Am heutigen Weltaidstag stellte die Caritas Diözese Bozen-Brixen in einer Pressekonferenz die neuesten Zahlen zu HIV und Aids in Südtirol vor. Im heurigen Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeiten hoben die Caritas-Verantwortlichen besonders den Einsatz der freiwilligen HelferInnen hervor, die HIV-Betroffenen beistehen. “Ohne sie wären viele Menschen völlig allein”, sagten die Caritas-Direktoren Renato Bertuzzo und Heiner Schweigkofler. An der Pressekonferenz nahm auch Dr. Raffaele Pristerà von der Infektionsabteilung des Bozner Krankenhauses teil.
„Aidskranke und HIV-positive Menschen brauchen Nähe und das Gefühl, weiterhin Teil der Gesellschaft zu sein. Jede und jeder kann dazu beitragen, diesen Menschen das Leben leichter zu machen“, sagten die Caritas-Direktoren Heiner Schweigkofler und Renato Bertuzzo bei der Pressekonferenz am heutigen Weltaidstag. Aids zu bekämpfen heiße nicht nur, eine Krankheit zu bekämpfen. Genauso wichtig sei es, die Betroffenen auf sozialer Ebene zu unterstützen und für sie da zu sein. Gerade sie seinen schutzbedürftig und brauchen Zuspruch und menschliche Wärme. “Oft sind aidskranke Menschen auf sich allein gestellt. Manche finden Rückhalt bei Verwandten und Freunden, doch die HIV-Ansteckung hat meist verheerende Folgen für das soziale und emotionale Beziehungsnetz der Betroffenen. Aus Angst vor Ausgrenzung verstecken sie ihre Krankheit und ziehen sich zurück", so Schweigkofler und Bertuzzo weiter.
Anlässlich des diesjährigen Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit wiesen die Caritas-Direktoren auf das Engagement der zahlreichen Freiwilligen hin, die HIV-Betroffenen beistehen. Sie nehmen sich den HIV-Betroffenen mit Aufmerksamkeit und Feingefühl an. Sie tun dies im Stillen, ohne eine andere Anerkennung als die Dankbarkeit der betreuten Menschen“, bedankten sich Schweigkofler und Bertuzzo. Grundsätzlich brauche es im Hinblick auf Aids und HIV aber insgesamt mehr gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein - nicht nur um Neuinfektionen zu vermeiden, sondern auch um die Betroffenen vor Ausgrenzung und Vorurteilen zu schützen.
Die neuen Aids-Daten in Südtirol
Dr. Raffaele Pristerà, Arzt an der Infektionsabteilung des Bozner Krankenhauses präsentierte die neuesten Daten zur Verbreitung von Aids in Südtirol. „Während laut Angaben des HIV/Aids-Projekts der Vereinten Nationen (UNAIDS) die Neuinfektionen weltweit um ein Fünftel gesunken sind, ist deren Zahl in Südtirol konstant geblieben“, stellte Pristerà heute fest. Insgesamt wurden heuer 21 Neuinfektionen in Südtirol verzeichnet; im Vorjahr waren es 19. Seit 1985 wurden in Südtirol insgesamt 761 HIV-Infektionen verzeichnet. Ausgebrochen ist die Krankheit heuer nur in drei Fällen. „In den vergangenen 10 Jahren hatten wir immer zwischen acht und zehn PatientInnen, bei denen die Krankheit ausgebrochen ist“, sagte Pisterà. Ob dieses sinkende Tendenz anhält, werde sich in den nächsten Jahren zeigen. Allarmierend für den Arzt ist die Tatsache, dass die Hälfte der neu Infizierten vorher noch nie einen Aidstest gemacht hat. „Diese Menschen haben sich wahrscheinlich schon vor Jahren angesteckt, ohne das zu wissen; könnten die Krankheit auch unwissentlich weitergegeben haben“, so Pristerà. Außerdem sei das Immunsystem dieser Menschen bereits sehr belastet, was das Krankheitsrisiko stark erhöht.
Die Caritas unterstützt die Betroffenen
Die Caritas-Freiwilligengruppe Iris begleitet HIV-Betroffene in verschiedenen Lebenssituationen. “Aids ist eine Krankheit, die allzu oft verdrängt wird, genau wie die davon betroffenen Menschen”, erklärt der Psychologe und Psychotherapeut, Pierpaolo Patrizi, der die Freiwilligengruppe Iris leitet. Das beweise auch die Zahl der Neuinfektionen, die in den letzten Jahren anstatt zu sinken gleich geblieben ist. Jedes Jahr stecken sich ca. 20 Menschen in Südtirol mit dem HIV-Virus an. „Der Schutz vor einer eventuellen Infektion wird immer noch vernachlässigt. Das zeigt, dass wir unsere Aufklärungsbemühungen noch weiter steigern müssen”, so Patrizi. Die 19 Freiwilligen der Caritas Iris begegnen den Betroffenen vorurteilsfrei und unterstützen sie in Krisensituationen – zu Hause, am Sitz des Dienstes in der Bozner Sparkassenstraße und in der Infektionsabteilung des Bozner Krankenhauses. Im Jahr 2010 haben die Freiwilligen 851 Besuche im Krankenhaus und 169 bei den Betroffenen zu Hause gemacht.
Das von der Stiftung Odar geführte Kontaktkaffee „Bahngleis 7“ in der Bozner Garibaldistraße 7 ist eine Anlaufstelle für Menschen mit Abhängigkeitsproblemen. „Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht zwar nicht speziell die Unterstützung von HIV-Betroffenen, wohl aber der Schutz vor einer möglichen Infektion“, erklärt Pädagogin und Psychotherapeutin Patrizia Federer, die das Kontaktkaffee leitet. Bahngleis 7 ist eine niederschwellige Einrichtung für aktive KonsumentInnen illegaler Substanzen und Psychopharmaka, sowie für Menschen mit Suchterfahrungen. Um der Ausbreitung von Aids entgegenzuwirken, bietet der Dienst kostenlosen Spritzentausch und Hygienematerialien sowie Beratung über sichere Sexual- und Konsumpraktiken an. In „Bahngleis 7“ können sich die Betroffenen aufhalten, kostengünstig essen, duschen und ihre persönliche Wäsche waschen. 2010 hat das Kontaktkaffee 10.275 Besuche verzeichnet, über 30.013 Spritzen wurden getauscht. Die Beratung zu sicheren Sexualpraktiken haben die BesucherInnen 538 Mal in Anspruch genommen.
Haus Emmaus ist eine Wohngemeinschaft der Caritas für 14 HIV-positive oder aidskranke Menschen in Leifers. „Wir möchten den Menschen im Haus helfen, diesen von Krankheit geprägten Lebensabschnitt anzunehmen und positiv zu gestalten“, erklärt der Leiter der Wohngemeinschaft, Diego Vanzan. Die BewohnerInnen werden gesundheitlich und psychologisch betreut und in spiritueller und pädagogischer Hinsicht begleitet. „Sie können sich hier bei uns ausruhen und erholen, dann suchen wir gemeinsam mit ihnen eine Wohngelegenheit außerhalb des Hauses“, erklärt Vanzan. Menschen, deren gesundheitlicher Zustand das nicht mehr zulasse, werden im Haus gepflegt und auf dem Weg des Abschiednehmens begleitet. Im Laufe des Jahres 2011 hat Haus Emmaus durchschnittlich 14 Bewohner beherbergt. Vier Menschen wurden neu aufgenommen; ein Gast ist in der vergangenen Woche verstorben.
Heute Abend wird im Theater Cristallo in der Dalmatienstr. 30 in Bozen der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm “Più o meno. Il sesso confuso” von Andrea Adriatico und Giulio Maria Corbelli (Regie) gezeigt. Der 90-minütige Dokumentarfilm beschreibt die gesellschaftlichen Veränderungen, die Aids in Italien bewirkt hat. Die Vorführung findet im Rahmen der Reihe “Madre Terra” um 20.30 Uhr im Don-Lino-Giuliani-Saal im 2. Stock des Kulturzentrums Cristallo statt. Der Eintritt ist frei.
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