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Michelle wird Lehrerin

by - 26.07.2010 Kategorie: Katastrophenhilfe
 
Es gibt Hoffnung ein halbes Jahr nach dem großen Erdbebeben in Haiti. Nach der ersten Nothilfe und der Verteilung tausender Zelte, von Wasser, Küchenutensilien, Seife, Handtücher, Zahnpaste und -bürsten, investiert die Südtiroler Caritas vor allem in Bildung und Kinderporjekte. Caritas-Mitarbeiterin Maria Lobis hat vor wenigen Wochen die Schule „Soleil 4“ im größten Slum Haitis besucht.

„Ich bin gut in Mathematik“, erklärt die 9-jährige Michelle in sauberem Französisch. Das Mädchen hat sicherlich keine Rückenbeschwerden, als sie mir das sagt. Kerzengerade sitzt sie da und schaut mich mit durchdringendem Blick an. Seit 8 Uhr verfolgt sie mit weiteren 41 Schülerinnen und Schülern aus Cité Soleil auf einer der langen Schulbänke den Rechenunterricht. Sie ist immer die erste, die die Hand hochhält, als Lehrerin Amanda das Einmaleins abfragt. Ihre Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen: 5x9=45; 12x8=96; 13x7=91.

Die Mathematikbegabte kommt aus der „sonnigen Stadt“. So heißt Cité Soleil übersetzt. Ja, es ist sonnig, heiß und schwül im größten Slum der westlichen Welt, angesiedelt in Port-au-Prince in der Hauptstadt Haitis. Auf über fünf Quadratkilometern Fläche drängt sich eine Wellblechhütte an die andere, eine Zeltplane an die nächste. Seile, Holz- und Plastikteile dienen als Halterung und zur Abdeckung. Zwischen 200.000 und 300.000 Menschen leben dort. Ein harter Kampf. Analphabetismus, Arbeitslosigkeit von 90% und extreme Armut kennzeichnen die gefährlichste Region des westlichen Inselteils von Hispaniola. Die Menschen hier haben im Durchschnitt einen Dollar am Tag zum Überleben. Ein kaum auszuhaltender Gestank zieht durch Cité Soleil. Es riecht nach verbranntem Plastik, nach vergammeltem Fleisch, rohem Fisch, nach Gegrilltem und Schimmel, nach Urin und Kot. Plastikflaschen, ausrangierte Schuhe, morsches Holz und rostige Eisenteile liegen im großen Kanal. Er führt nur bei starkem Regen Wasser. Und trotzdem liefern sich Gangs in Cité Soleil täglich Kämpfe um Zugangsrechte und Besitz dieser Abflussrinne, die längst zur Müllhalde geworden ist.

Die rechnerische Begabung der Tochter weiß die Mutter von Michelle zu schätzen. Schon mehrfach wollten sie die Slum-Händler Erwerb von Bohnen und Reis betrügen. „Seit einem Jahr gehe ich alleine einkaufen“, erzählt Michelle. „Ich rechne immer nach.“ Ihren Vater hat sie nie gesehen. In der halbstündigen Pause, die um zehn Uhr beginnt, zeigt sie auf einen kleinen, aufgeweckten Vierjährigen, der wie sie in „Soleil 4“ aufgenommen wurde. Brunard heißt er. Wie seine Schwester holt sich der Kleine bei der Ausgabestelle Brot und einen Becher Milch. Als Vorschüler trägt er eine gelbgrüne Schuluniform. Er lacht spitzbübisch und ruft Michelle in der kreolischen Einheimischensprache etwas zu. Sie schickt ihm einen Handkuss und nickt mit dem Kopf. „Foto, Madame!“, ruft sie und zeigt auf ihn.

Michelle ist eines der 1.200 Kinder, die täglich in die Schule „Soleil 4“ kommen. Es handelt sich dabei um eine von vier Schulen, die die Don-Bosco-Brüder des Salesianer-Ordens unter Leitung von Father Zucchi Olibrice im Slum führen. „Das Erdbeben am 12. Jänner hat alles dem Erdboden gleichgemacht“, erzählt er mit überraschend ruhiger Stimme. Alle Bildungseinrichtungen in den Armenvierteln von Port-au-Prince, in denen die Salesianer insgesamt 26.000 Kinder in Vor-, Haupt- und Berufsschulen ausgebildet haben, waren innerhalb weniger Sekunden Trümmerhaufen. „Ich bin froh über die rasche Intervention der Caritas.“ Father Zucchis Augen bekommen Glanz. Wir haben wenige Tage nach dem Beben die Zusage bekommen, dass die Schule „Soleil 4“ auch mit Hilfe der Caritas aus Norditalien (Anm. der Redaktion: Südtirol) wiederaufgebaut wird.“ Mit Hilfe der Salesianer haben die Caritas-Mitarbeiter Slumbewohner angeheuert, die „cash for work“ halfen, Schutt und Steine wegzuräumen. Unter ihnen war Michelles Onkel. Zehn Dollar hat er am Tag erhalten.

Fast auf den Tag drei Monate nach dem Beben konnten Michelle und Brunard am 7. April wieder in einer Schulklasse Platz nehmen. Diese wurden vorübergehend aus Holzpressplatten zusammengezimmert. Groß half Klein. „Das besondere an diesem Bau ist die Tatsache, dass ältere Jugendliche am Wiederaufbau der Schule mitgearbeitet haben, die früher hier ausgebildet wurden“, erklärt Ilse Simma. Die Vorarlbergerin ist seit 28. Jänner für die Caritas in Port-au-Prince tätig. Gemeinsam mit dem Salesianerorden als Projektpartner vor Ort wird das Schulareal „Soleil 4“ in den kommenden zwei Jahren in Ziegelbauweise erdbeben- und wetterfest errichtet. Bis dahin werden die Kinder in den Holzbaracken unterrichtet. Alte Schulbänke wurden zum Teil wiederverwertet, neue dazugekauft.

Das Hemd von Michelles Schuluniform ist blütenweiß, der bläue Trägerrock reicht ihr bis zu den Knien. Passend dazu trägt sie blaue Schleifen und weiße Perlen im Haar. Die Schuluniform bekommt sie von der Caritas. „Für die Sauberkeit der Kleidung sorgen die Eltern“, so Ilse Simma. Derzeit unterrichten 20 Lehrkräfte in dem Schulkomplex zu einem Monatsgehalt von 250 Dollar. Ein Preisvergleich: knapp zehn Dollar haben wir für 2,5 kg Mehl bezahlt.

Lehrerin Amanda beauftragt Michelle, während der Pause Schulbücher auf den Klassenbänken zu verteilen. Geschichte steht in der vierten Klasse nun auf dem Programm, danach französisch. Um den Schulunterricht zu gewährleisten, hat die Caritas Schulbücher, Stifte, Tafeln und Hefte angekauft. Den Vorschulkindern, die die Salesianer bereits ab dem dritten Lebensjahr aufnehmen, stehen Spielsachen, Rechenschieber, Zeichenblöcke und Farben zur Verfügung. Father Zucchi Olibrice ist überzeugt: „Die Kinder müssen so schnell wie möglich eine Alternative zum Slumleben kennen lernen. Sie brauchen Struktur. Sie sind sehr wissbegierig. Diesem Lerndrang wollen und müssen wir einen Raum geben.“ Der kleine Brunard macht neben Father Zucchi einen Handstand und läuft dann grinsend davon.

Auf die Frage, ob sie Schulgeld bezahlen müsse, dreht Michelle einen Augenblick den Kopf zur Seite. Dann antwortet sie erhobenen Hauptes: „Meine Mutter hat das Geld nicht. Aber die Salesianer haben mir ein Stipendium gegeben.“ 100 Gourdes werden symbolisch pro Kopf und Jahr als Schulgeld verlangt, das sind umgerechnet 2 Euro.

„Mein Leben wird anders“, Michelles Haltung ist kerzengerade. Ein stolzer Blick erreicht uns. „Ich will weg aus dem Slum.“ Sie dreht den Kopf zu Amanda, die mit der Aufsicht der anderen Kinder beschäftigt ist. „Wahrscheinlich werde ich Lehrerin.“

Maria Lobis


Infos
Bis heute haben 8.052 Südtiroler Spenderinnen und Spender 1.592.343,24 Euro an die Caritas Diözese Bozen-Brixen überwiesen. Davon wurden 1.041.967,38 Euro für die Nothilfe eingesetzt, die übrigen Hilfsgelder werden im Verbund mit dem internationalen Caritas-Netzwerk für den Bau der Schulein „Soleil 4“, eines Waisenhauses und eines Krankenhauses eingesetzt. Weitere Spenden sind notwendig. Bei allen Banken sind unter dem Kennwort „Erdbeben Haiti“ Spendenkonten eingerichtet.




Michelle wird Lehrerin
 
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