Haiti: Leben sechs Monate nach dem Beben
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- 22.07.2010
Kategorie: Katastrophenhilfe
Um 16.53 Uhr Ortszeit erschütterte am 12. Jänner 2010 ein Erdbeben der Stärke 7,0 nach Richter den westlichen Teil der Antillen-Insel Hispaniola, auf der Haiti liegt. Es forderte mehr als 220.000 Todesopfer. Noch immer sind mehr als eine Million Menschen obdachlos. Die Caritas Diözese Bozen-Brixen hat um Spenden gebeten, worauf die Südtiroler Bevölkerung sehr großzügig reagiert und fast 1,6 Mio. Euro zur Verfügung gestellt hat. Caritas-Mitarbeiterin Maria Lobis befand sich vor wenigen Wochen im Katastrophengebiet. Eine Reportage aus Gressier/Port-au-Prince.
Fanise Harchille sitzt aufrecht, ihr Blick geht gerade aus. In der rechten Hand hält sie ein Päckchen mit Nägeln, um Zeltplanen festzumachen, in der linken einen in Plastikfolie eingewickelten 100-Gourdes-Schein. Sie drückt die Finger fest um die umgerechnet ca. zwei Euro. Damit wird die 26-jährige Frau für ihren Mann und die vier Kinder – drei Buben im Alter von zehn, sieben und fünf Jahren und ein achtmonatiges Mädchen – auf dem Markt Reis, Hirse und Mais kaufen. Die Lebensmittel müssen mindestens eine Woche reichen. Ein anderes Einkommen hat die Familie nicht. Die um einiges älter wirkende Frau sitzt auf dem rostigen Eisenstuhl in der Caritas-Ausgabestelle in Gressier. Gressier liegt ca. sechs Kilometer vom Stadtzentrum von Port-au-Prince entfernt im westlichen Außenbezirk. Mehrstündige Autofahrten sind bei den zerstörten und überfüllten Straßen in Haitis Hauptstadt keine Seltenheit. Die Regenzeit verschlimmert die Situation zusätzlich.
Fanise antwortet auf jede Frage. Aber der Blick der 26-Jährigen geht ins Leere. Sie fragt nicht, woher wir kommen, warum wir sie interviewen, was wir hier tun. Sie sitzt einfach da. Abwartend und traurig. Ein Kübel mit zwei Handtüchern, vier Zahnbürsten, zwei Tuben Zahnpaste, drei Stück Seife und einer Packung Frauenbinden steht neben ihr. Getragen wird er von einer rot-weiß-blau karierten Tüte, in der sich drei 3x3-Meter-Plastikplanen befinden, zwei Decken und ein Hammer. Ihre Bewegungen haben roboterähnliche Züge, als sie sich zu Sabine Wartha, der Leiterin der Katastrophenhilfe der Caritas Österreich umdreht. Drei Tage nach dem Beben vom 12. Jänner kam Wartha zum ersten Mal nach Port-au-Prince. Inzwischen hielt sie sich schon mehrfach in der Katastrophenregion auf, um das Einsatzteam der Caritas vor Ort zu unterstützen. „Das apokalyptische Erdbeben vom 12. Jänner hat hauptsächlich in der Hauptstadt mehr als eine Million Menschen obdachlos gemacht“, erklärt sie. Auch sechs Monate nach dem Beben ist der Großteil dieser Menschen noch immer ohne ein festes Dach über dem Kopf. „Die Menschen warten auf Hilfe von außen, sind ohnmächtig angesichts des Ausmaßes der Zerstörung“, so Wartha. Es fehlt an allem, an Baggern, Lastwagen und anderem schweren Gerät. Jedes zweite Haus in Port-au-Prince ist zerstört. Die Erdbebenwellen haben die durchwegs betonierten Unterkünfte der Menschen in nicht einmal 50 Sekunden wie Kartenhäuser in sich zusammenbrechen lassen. Wasserauffangbecken auf den Dächern wurden zu zusätzlichen tonnenschweren Todesfallen. Ungenügend verwendete Eisen- und Stahlverstärkungen beim Bau der Häuser haben den seismischen Bewegungen der karibischen und nordamerikanischen Erdplatten nicht standgehalten. 50% der Häuser liegen am Boden. An einem weiteren Viertel sind vereinzelt Decken eingestürzt, halten wenige Säulen oder tragende Mauern das Dach aufrecht oder schief. Auch diese Häuser – inzwischen mit gelber Farbe markiert – müssen abgerissen werden. Nur ca. jedes fünfte Haus in Port-au-Prince hat dem Druck des Erdbebens standgehalten. Die Besitzer dieser - meist - Villen leben vielfach in Nordamerika, gehören der reichen haitianischen Oberschicht der Mulatten an. 95% der Haitianer sind schwarzhäutig, stammen ursprünglich aus Westafrika und wurden im Rahmen der Kolonialisierung von den Spaniern und Franzosen als Sklaven nach Haiti gebracht.
Zu ihnen gehört Fanise Harchille. Ein einheimischer Caritas-Mitarbeiter hilft ihr beim Übersetzen aus dem haitianischen Kreol. „Ich saß an unserer Hausmauer und habe Linou gestillt“, erzählt sie in gebrochenem Französisch. Dabei habe sie auf ihrem halben Hektar Grund gereifte Mangos und Bohnen zum Verkauf angeboten. Plötzlich, kurz vor 17 Uhr sei ein fürchterliches Rauschen, Grollen und Dröhnen zu hören gewesen. „Ich sprang auf, meine zweimonatige Tochter im Arm und rannte vom Haus weg. Ich schrie, schrie wie verrückt.“ Fanises Hände zittern, während sie das erzählt. Es sei ein Wunder, dass ihre drei Söhne unverletzt geblieben sind. Sie haben im Freien gespielt. Der vordere Teil des Hauses sei stehen geblieben. „Wir dürften nicht drin wohnen“, erklärt sie. Die Techniker, die alle Häuser überprüft haben, haben gesagt, wir müssen es abreißen. „Aber wo sollen wir dann wohnen?“, fragt sie verzweifelt.
Auch ihr Mann hat überlebt. Aber er kann die Hände nicht mehr bewegen. Fanises Blick wird starr, als sie uns an ihrem Beispiel zeigt, wie krumm die Hände ihres Mannes von den Oberarmen abstehen. Bei einer Messerstecherei hat er sich diese Verletzungen geholt. Wenige Tage nach dem Beben sind sie überfallen und des wenigen Geldes, das sie besaßen und immer bei sich trugen, beraubt worden. Nein, ihr Mann könne sich nicht mehr als Tagelöhner verdingen. Er wird ein Krüppel bleiben. Sie sitzt wie versteinert da. „Wir haben nichts, nichts“, wiederholt sie mehrfach. Nicht nur die Familie von Fanise lebt unter der absoluten Armutsgrenze und muss von weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Über 65 Prozent der Bevölkerung geht es so. Die Wirtschaft liegt am Boden. Die Menschen des Agrarstaates ernähren sich von dem, was auf den kleinen kargen Feldern wächst. Rund 50 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ist arbeitslos, die Hälfte der Menschen unterernährt.
„Man hat mir gesagt, dass ihr in Gressier 500 Häuser aufbaut“, schaut Fanise Sabine Wartha von der Caritas fragend an. Ein Funken Hoffnung tritt in ihre Augen. „Auch unseres in der Lambi-Siedlung Nr. 5?“ Bis Fanise darauf eine definitive Antwort erhält, werden noch einige Wochen vergehen. Derzeit sind einheimische Caritas-Trupps unterwegs, um im Gespräch mit den Bewohnern zu erfahren, wer zu den Bedürftigsten gehört. Bis dahin müssen noch weitere Menschen wie Familie Harchille mit Nothilfepaketen ausgestattet werden. Allein in Gressier sind bisher 5.500 Familien in den Genuss der Caritas-Hilfe aus Südtirol gekommen. Weitere 3.500 Familien in der Diözese Jacmel haben ebenfalls Decken, Zeltplanen, Küchengeräte und Hygieneartikel bekommen. Gleich nach dem Beben haben außerdem 5.000 Familien Leinenzelte erhalten, die sowohl der Hitze als auch dem Regen trotzen. In Planung sind weiters der Wiederaufbau einer Schule im größten Slum der westlichen Welt „Cité Soleil“, ein Waisenhausprojekt in Zusammenarbeit mit den Salesianerinnen im Slum „La Saline“ und ein Krankenhaus.
Ihre Drehung zu mir wirkt kantig und fremd gesteuert, als ich sie frage, was sie am Leben hält. Ihr Blick aber wird kämpferisch. „Ich habe vier Kinder. Ich habe einen Mann, der nicht arbeiten kann. Aber wir haben das Erdbeben überlebt. Ich will, dass meine Kinder in die Schule gehen können.“ Die Analphabetenquote in Haiti liegt derzeit bei 50 Prozent, obwohl eine sechsjährige Grundschulpflicht besteht. Bereits vor dem großen Beben gab es zu wenige öffentliche Schulen in Haiti. In Fanises Umgebung gibt es inzwischen gar keine mehr. Allerdings stünde eine Privatschule zur Verfügung. Dort werden 2.500 Gourdes Einschreibegebühren (51 Euro) pro Kind verlangt plus 350 Gourdes im Monat (7,5 Euro), um Schularbeiten und Prüfungen abzulegen. Unbezahlbar für Fanise. Ihre Augen verlieren sich wieder im Nirgendwo: „Wenn meine Kinder nicht wären. Ich weiß nicht, ob ich noch wäre.“
Infos
Bis heute haben 8.052 Südtiroler Spenderinnen und Spender 1.592.343,24 Euro an die Caritas Diözese Bozen-Brixen überwiesen. Davon wurden 1.041.967,38 Euro für die Nothilfe eingesetzt, die übrigen Hilfsgelder werden im Verbund mit dem internationalen Caritas-Netzwerk für den Bau einer Schule, eines Waisenhauses und eines Krankenhauses eingesetzt. Weitere Spenden sind notwendig. Bei allen Banken sind unter dem Kennwort „Erdbeben Haiti“ Spendenkonten eingerichtet.