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Geschichte von Vitòrio und Rosaria - Taquaritinga, Brasilien

by - 20.04.2010 Kategorie: Kinderpatenschaften
 
Im brasilianischen Städtchen Taquanratinga, einem Vorort von Sao Paolo, verabschiedet sich die 63jährige Maria von ihren Enkelkindern - der dreijährigen Rosària und dem vierjährigen Vitòrio. Sie verlässt ihr kleines Lehmhäuschen und macht sich erneut auf den Weg zur Arbeit in den weiten Gemüsefeldern der Umgebung. Maria geht gebückt. Die kleine, feingliedrige Frau arbeitet seit Jahrzehnten auf den Feldern, obwohl sie nachts oft nicht schlafen kann, weil ihr Rücken schmerzt. Aber wenn sie nicht arbeitet, kann sie ihre Enkelkinder nicht versorgen. Die beiden leben erst seit ein paar Monaten bei der Großmutter. Vorher hat sich die Mutter um die beiden gekümmert; bis zu jener Schicksalsnacht, als ihr Verlobter - aggressiv und aufgeschaukelt vom Alkohol - buchstäblich das Leben aus ihr herausgeprügelt hat. Die Mutter der beiden Kleinen atmete noch, als der Mann aus dem Haus torkelte und Rosaria und Vitório sich aus ihrem Versteck unter den Decken auf dem Boden hervorwagten. Die Tränen und Bitten der beiden Kinder halfen nichts. Ihre Mutter starb, ohne noch einmal die Augen zu öffnen.

Die Hütte der Großmutter liegt nicht weit von ihrem früheren Zuhause entfernt
. Die Wände bestehen aus Lehm, das Dach ist mit Stroh gedeckt, auf dem Boden festgestampfte Erde. Es gibt nur einen Raum. Darin wird gekocht, gegessen und geschlafen. Nachts legen Rosaria, Vitório und ihre Großmutter handgewebte, bunte Decken aus, auf denen sie schlafen. Tagsüber sind die beiden Geschwister meist alleine. Die Großmutter muss trotz ihrer 63 Jahre weiter als Tagelöhnerin Zwiebeln und Tomaten ernten, den Acker pflügen und Unkraut ausreißen. Ihr Lohn ist gering, doch die Familie braucht etwas zum Essen. Und die Arbeit auf dem Feld ist eine der wenigen Einnahmequellen, die Taquanratinga zu bieten hat.

Die insgesamt 56.000 EinwohnerInnen von Taquanratinga stammen großteils von EinwandererInnen aus Italien, Spanien, Portugal, Afrika und Japan ab. Die Landwirtschaft ist der einzige blühende Geschäftszweig des Städtchens. Zuckerrohrplantagen, Gemüseäcker, Orangen- und Zitronenfelder prägen das Landschaftsbild. Während der Aussaat und der Ernte haben viele Einwohner Arbeit. Und in der restlichen Zeit halten sie sich mit handwerklichen Arbeiten und kleinen Geschäften notdürftig über Wasser. Maria kann das ganze Jahr über arbeiten gehen. Ihre Erfahrung und ihr Fleiß haben den Arbeitgeber, einen der wenigen Großgrundbesitzer in der Gegend, überzeugt.

Dennoch ist die Familie arm; wie fast alle in der Gegend. Im Durchschnitt hat ein vier- bis fünfköpfiger Haushalt in Taquanratinga 100 bis 250 Euro im Monat zur Verfügung. Die Infrastrukturen in der Stadt sind mehr als mangelhaft. Zwar gibt es ein paar kleine Krankenstationen, doch ständig fehlen dort dringend gebrauchte Medikamente, Verbandszeug und Impfstoffe. Ärzte und Krankenschwestern gibt es nur wenige; die Erste-Hilfe-Stationen in den Krankenhäusern sind ständig überfüllt. Viele Patienten sterben ohne zur ärztlichen Visite vorgedrungen zu sein. Aufgrund der schweren Arbeit auf den weiten, staubigen Zuckerrohrplantagen erkranken immer mehr Menschen an Bronchitis und Lungenentzündung. Typhus und bakterielle Infektionen breiten sich aus.

Auch Rosaria und Vitório sind immer wieder krank
. Nicht selten passiert es, dass eines der Kinder schweißgebadet, mit Fieber und Schüttelfrost unter den Decken liegt, wenn Maria nach Hause kommt. Das ist einer der Gründe, warum es ihr so schwer fällt, die beiden den ganzen Tag allein lassen zu müssen. Die Kinder sind durch den Tod ihrer Mutter traumatisiert. Sie sprechen kaum über die Nacht, in der sie gestorben ist. Doch Maria hört sie immer wieder heimlich weinen: in der Nacht, aber auch, wenn sie abends heim kommt oder das Haus frühmorgens verlässt.

Vor wenigen Wochen hat Maria im Zentrum „S. Giavanni Bosco“ um Hilfe gebeten. Die von den „Franziskanerschwestern von der Buße“ geführte Tagesstätte steht an sechs Tagen in der Woche von fünf Uhr früh bis neun Uhr abends offen. Bis zu 100 Kinder, die nicht älter als sieben Jahre alt sind, finden dort Platz. Sieben LehrerInnen und ErzieherInnen und eine Köchin kümmern sich um die Buben und Mädchen, deren Eltern tagsüber arbeiten müssen und nicht für sie sorgen können. Die meisten Kinder im Zentrum haben nur ein Elternteil oder leben bei den Großeltern. Im nächsten Schuljahr können auch Rosaria und Vitório den Tag dort verbringen, lesen und schreiben lernen, spielen, singen, tanzen, basteln, handarbeiten und einfach Kinder sein. Sie bekommen Kleider, jeden Tag zum Essen und sauberes Wasser. Sie werden dann auch regelmäßig von einem Arzt untersucht. Die nötigen Medikamente sind im Zentrum vorrätig. Seit Jänner 2010 bekommt die Tagesstätte auch Unterstützung aus Südtirol. Das Zentrum „S. Giavanni Bosco“ ist seit Jahresbeginn Teil des Kinderpatenschafts-Programms der Caritas. Die Aktivitäten zum Wohle der Kinder in der Gegend sind seither finanziell abgesichert. Die Projektpartnerinnen der Caritas, die „Franziskanerschwestern von der Buße“ sorgen dafür, dass die Kinder gut betreut werden. Die größeren werden auf die Schule vorbereitet, die sie später besuchen. Maria ist froh: mit der Unterstützung des Zentrums weiß sie die Kinder versorgt, während sie auf den Feldern ist. Auch hat sie die Hoffnung, dass ihre beiden Enkel aufgrund der Bildung, die ihnen zuteil wird, ein Leben als Tagelöhner erspart bleibt.
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