Geschichte von Baralia - Korogocho, Kenia
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- 20.04.2010
Kategorie: Kinderpatenschaften
Der zwölfjährige Baralia lebt in Nairobi, der Hauptstadt Kenias, im Slum von Korogocho. Mehrstöckige Häuser aus nacktem Beton drängen sich an Hütten aus Wellblech, Karton, Holz und Stofffetzen. Dazwischen enge Gassen, bedeckt mit Abfällen und Kot von Menschen und Tieren. Rauchwolken von den nahen Industriekaminen machen die Luft grau und stickig. Dazu kommt der Gestank der Müllhalden, von denen Korogocho umringt ist. Nur wenige Kinder spielen auf den dreckigen Straßen. Die meisten suchen auf den Mülldeponien nach Metall und halbwegs gut erhaltenen Gegenständen, die sie verkaufen können – wie Baralia. Er hat heute eine Metallpfanne und ein Stück Seife gefunden. Die Pfanne tauscht er gegen Öl und Maismehl ein. Seine Mutter wird sich freuen: heute kann sich die ganze Familie zur Abwechslung mal satt essen. Baralias Mutter arbeitet in einer kleinen Wäscherei. Doch das, was sie verdient, reicht nicht für die fünfköpfige Familie: ein Euro für zwölf Stunden Wäsche waschen, schrubben und trocknen. Dabei kostet ein Kilogramm Maismehl 95 Cent, ein Liter Öl 80 Cent und ein halbes Kilo Bohnen 40 Cent. Baralias Vater hat die Familie vor Jahren verlassen. „Es ist besser geworden, seit er weg ist“, erklärt Baralia. Der Vater habe das wenige Geld, das seine Mutter verdient hat, in Alkohol investiert. Und dann sei es an der Tagesordnung gewesen, sie alle zu beschimpfen und zu schlagen. Manchmal habe er die Mutter dermaßen verletzt, dass sie mehrere Tag lang nicht aufstehen konnte. Baralias Hände verkrampfen sich, Tränen stehlen sich in seine Augen, während er das erzählt.
Es beginnt zu tröpfeln. Der Regenschauer wäscht für kurze Zeit die Dämpfe und den Gestank aus der Luft. Die Menschen stellen alte Plastikeimer auf die Straße, um das Wasser zu sammeln. Wasserleitungen gibt es im Slum von Nairobi keine; ebenso wenig wie Waschgelegenheiten oder Latrinen. Regentropfen trommeln auf die Wellblechdächer der Hütten. Auf der Straße vermischen sie sich mit der Erde, den Abfällen und dem Kot. Baralia läuft schnell zu seinen drei jüngeren Geschwistern nach Hause. Mit dem Stück Seife, das er auf dem Müll gefunden hat, können sie sich im Regen gründlich waschen. Die Wohnung der Familie unterscheidet sich nicht von den anderen im Elendsviertel: sie besteht au aus einem Raum, die Fenster sind ohne Glas, die Wände sind nicht verputzt. Auf dem festgestampften Erdboden stehen ein paar alte Töpfe und Plastikflaschen; daneben zwei zerfranste Matratzen – eine für Baralias Mutter und die andere für ihn und seine drei Geschwister.
Morgen wird Baralia wieder zur Schule gehen. Im Zentrum „New Life“ der Südtiroler Ordensschwester Lydia Pardeller hat er vor vier Jahren einen Platz bekommen. Dort lernt er an fünf Tagen pro Woche Lesen, Schreiben und Rechnen. Zwei Mal am Tag kann er essen, bis er satt ist. Manchmal geben ihm die Schwestern Mehl, Brot und Bohnen für seine Familie zu Hause mit. Einmal in der Woche kann er sich im Zentrum baden und seine Kleider reinigen. Die Samstage und Sonntage verbringt er nach wie vor auf der Mülldeponie, um seine Familie zu unterstützen. Aber Baralia lächelt. Bald, so sagt er, wird er mit seiner Familie aus Korogocho wegziehen. Wenn er ein junger Mann ist und die Schule abgeschlossen hat.
Seit Beginn dieses Jahres ist das Sozialzentrum „New Life“ Teil des Kinderpatenschafts-Programms der Südtiroler Caritas. Der dreistöckige Bau mit den weißen Wänden steht inmitten des Elendsviertels Korogocho. Die Projektpartnerin der Caritas in Kenia, die Deutschnofner Missionarin Lydia Pardeller hat den Verein “Hands of Care and Hope“ gegründet. Die Aktivitäten im Sozialzentrum sind Teil der Tätigkeit des Vereins. An fünf Tagen in der Woche können dort 200 Kinder zwischen 8 und 13 Jahren zur Schule gehen und ihre Hausaufgaben machen. Unter ihnen Baralia. An den weiß gestrichenen Wänden hängen unter vielen anderen auch seine Zeichnungen, die von Hoffnung erzählen. Die Fußböden sind sauber, die Umgebung insgesamt freundlich. Die Kinder machen gerade ihre Hausaufgaben, als sie den Gong hören: Zeichen dafür, dass Besuch eingetroffen ist. Es ist der Arzt, der regelmäßig im Zentrum vorbeikommt und die Kinder untersucht. Ein lautes „Guten Morgen“ schallt ihm aus 200 Kinderkehlen entgegen, als er ihnen über den breiten Gang entgegenkommt. Die Kinder wissen: der Arzt hilft ihnen, wenn sie Schmerzen haben. Aufgrund der mangelnden Hygiene und der widrigen Lebensumstände in Korogocho sind die Kinder häufig krank, besonders oft sind sie von Durchfall betroffen. Heute bekommen zwei Buben und ein Mädchen Medikamente. Ein Junge kann eine Schachtel Tabletten mit nach Hause nehmen – für seine kleine Schwester, die sich in der vergangenen Nacht mehrfach übergeben hat.
Das Sozialzentrum ist für die meisten Kinder in Korogocho die einzige Möglichkeit, zur Schule zu gehen und ärztliche Versorgung zu bekommen. Die staatlichen Schulen im Elendsviertel sind überfüllt. Anstatt neue zu eröffnen, schließen immer mehr ihre Tore. In Korogocho kann die Hälfte der Menschen weder Lesen noch Schreiben. Für sie gibt es nur schlecht bezahlte Arbeiten, und das auch nur, wenn sie Glück haben. Viele junge Mütter in Nairobi prostituieren sich, um das Lebensnotwendigste für ihre Kinder zu verdienen. Baralia und seinen MitschülerInnen wird dieses Schicksal erspart. Dank der Unterstützung aus Südtirol kann er die Schule abschließen und auf eine Arbeit hoffen, die ihm mehr bietet als das Elend der Müllhalden.