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Caritas stellt 20. Auflage des Dossiers zur Einwanderung in Italien vor

by - 26.10.2010 Kategorie: Caritas-Aktionen
 
Zeitgleich mit 27 italienischen Städten hat die Caritas Diözese Bozen-Brixen heute im Cristallo-Theater in Bozen das druckfrische Dossier zur Einwanderung vorgestellt. Es bündelt die wichtigsten Daten rund um Einwanderung in Italien und listet Zahlen und Fakten zu den einzelnen Provinzen auf. Mit “Per una cultura dell’altro” ist das aktuelle Statistikbuch mit dem Bezugsjahr 2009 betitelt und ruft zu gegenseitigem Respekt und Verständnis auf. Seit der ersten Dossiervorstellung von Caritas Italiana und Stiftung Migrantes (Bezugsjahr 1990) sind 20 Jahre vergangen. Damals lebten 500.000 Einwanderer in Italien. Diese Zahl hat sich inzwischen auf fast 5.000.000 Menschen verzehnfacht. Einwanderer sind aus Wirtschaft und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken.

Paolo Attanasio und Matthias Oberbacher, Sozialwissenschaftler und im Einwandererdossier für den Südtiroler Lokalteil zuständig, haben folgende Daten präsentiert: in der Provinz Bozen lebten am 31.12.09 39.156 EinwandererInnen aus 126 Nationen. Der größte Teil von ihnen - 5.140 Menschen - stammt aus Albanien; an zweiter Stelle steht Deutschland mit 4.559 eingewanderten Menschen; an dritter Stelle Marokko mit 3.174 Menschen; es folgen Pakistan mit 2.542 Frauen und Männern, Mazedonien mit 2.184, Slowakei mit 1.861 und Kosovo mit 1.688 Personen. 52% der eingewanderten Menschen in Südtirol sind Frauen. Insgesamt stellen die Einwanderer in unserem Land einen Anteil von 7,8% an der Gesamtbevölkerung.

“Die Einwanderung in Südtirol wächst moderat”, erklärt Autor Paolo Attanasio. Im Jahr 2007 gab es mit 4.551 zugewanderten Menschen die bisher höchste Zahl (im Vergleich zum Jahr 2006 ein Zuwachs von 16%). 2009 kamen 2.872 Frauen und Männer nach Südtirol, um hier zu leben. Das bedeutet im Vergleich zum Jahr 2008 nur mehr einen Zuwachs von 7,9%. Es sei aber zu früh, von einer sinkenden Tendenz in Südtirol zu sprechen, so Attanasio. Die absolute Zahl der hier lebenden Menschen aus dem Ausland sei seit den 90er Jahren kontinuierlich gestiegen.
Das durchschnittliche Lebensalter der Einwanderer in Südtirol beträgt mit 32,8 Jahren fast zehn Jahre weniger als das durchschnittliche Alter der italienischen Gesamtbevölkerung mit 42 Jahren. Die Geburtenrate steigt mit der Einwanderung. Fast zwei von zehn lebend geborenen Kindern in Südtirol - genau 18,5% - hatten 2009 eine ausländische Mutter (im Jahr 2000 lag dieser Anteil noch bei 6,6%). Bei 12,9% der Neugeborenen 2009 stammten beide Elternteile aus dem Ausland.

Der weit größere Teil der Einwandererkinder besucht italienische Schulen. 18,3% der Kinder in den italienischen Schulen Südtirols stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Im Gegensatz dazu sind es in den deutschen Schulen 4,6% und in den ladinischen Schulen 2,7%. “Vergleicht man die Neueinschreibungen an Südtirols Grundschulen, so kann man allerdings feststellen, dass die Zahlen der Einwandererkinder in den deutschen Schulen zunehmen und die Unterschiede zu den italienischen Schulen geringer werden”, so Matthias Oberbacher, Mitautor des Dossiers.

Was die Arbeitslosigkeit von Nicht-EU-Bürgern in Südtirol angeht, so ist diese im vergangenen Jahr angestiegen: von 1.084 im Jahr 2008 auf 1.609 im Jahr 2009 und auf 1.816 im Mai 2010. “Das sind die Auswirkungen der Wirtschaftskrise”, erklärt der Soziologe Paolo Attanasio. Zum einen seien Einwanderer viel stärker als Einheimische mit befristeten Arbeitsverträgen angestellt. Der Vertrag wird nach Auslaufen des Vertrages einfach nicht mehr verlängert. Andererseits seien viele Einwanderer alleine in Südtirol und fallen mit den Punkten auf der Rangordnung der Lohnausgleichskasse zurück, weil sie als allein stehend eingestuft sind. „Auch wenn sie in ihrer Heimat Ehepartner und Kinder haben”, unterstreicht Paolo Attanasio. “Ein Angestellter mit einer Familie zu Lasten wird nicht so schnell in den Lohnausgleich geschickt wie ein Alleinstehender.” Er ergänzt: “Die Krise hat viele italienische Arbeitnehmer schwer getroffen; noch schwerer belastet sie allerdings die Einwanderer.”

Was die Sicherheit am Arbeitsplatz betrifft, so ist die Situation in Südtirol allarmierend. Im Vergleich zu 2008 meldete das INAIL 2009 nur einen Rückgang von 1,7% an Arbeitsunfällen, im Trentino sank diese Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 11,4%, im übrigen Italien um 9,7%. Wenn man die Wirtschaftssektoren betrachtet, ist festzustellen, dass vor allem in der Landwirtschaft die Arbeitsunfälle im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr um 7,9% angestiegen sind (in Trentino gab es ein Minus von 2,1%, im italienischen Durchschnitt ein Minus von 1,4%). Was die Arbeitsunfälle von Einwanderern angeht, so sank diese Zahl 2009 im Vergleich zu 2008 in Südtirol nur um 4,1% (im Trentino gab es ein Minus von 16%, in Gesamtitalien ein Minus von 17%). Die Situation für Einwanderer in Südtirols Landwirtschaft ist gravierend: so gab es im Jahr 2009 im Vergleich zu 2008 eine Zunahme von Arbeitsunfällen von 24,8% (im Vergleich: Trentino +3,4%, Italien +2,8%). Paolo Attanasio dazu: „Das Risiko für Arbeitsunfälle ist im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen in der Landwirtschaft am höchsten und für Einwanderer am größten.“

Die Jugendstudie des Landesinstitutes für Statistik ASTAT 2009 hat gezeigt, dass sich in der Wahrnehmung von mehr als zwei von drei Südtiroler Jugendlichen (über 14 Jahren) zu viele Einwanderer in unserem Land befinden. Eine ISTAT-Studie, die 2010 durchgeführt wurde, belegt, dass 39,5% der Südtiroler sich wegen zu hoher Einwandererzahlen sorgen. Diese Sorge ist fast gleich groß wie die Angst vor Kriminalität (mit 41%). Die Angst vor Überfremdung belegt laut dieser Studie in Südtirol italienweit den zweithöchsten Rang (nach dem Veneto).

„Wenn man bedenkt, dass die „Rangordnung der Sorgen“ der italienischen Bevölkerung Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Armut betreffen, so zeigt sich, dass Südtirol (Angst vor Überfremdung an zweiter Stelle) noch einen langen und beschwerlichen Weg der Integration vor sich hat“, so die Caritas-Direktoren Heiner Schweigkofler und Pio Fontana. Es gehe darum, Vorurteile und Ängste abzubauen und sich auf eine Diskussion mit den eingewanderten Menschen und ihrer Kultur einzulassen. Das sei nicht einfach, aber unumgänglich, erklärten sie bei der heutigen Vorstellung. Panikmache sei fehl am Platz. Es gehe um Aufklärung, Information und Dialog. Einwanderung sei eine Realität, die nicht geleugnet oder verleumdet werden dürfe. Ohne Einwanderer können in Südtirol weder Landwirtschaft, noch Baugewerbe, Tourismus oder Pflege aufrecht erhalten werden. Daher gelte es, nach Mitteln und Wegen zu suchen, die für alle Beteiligten akzeptabel sind. Das könne nur im Miteinander geschehen.

Die Caritas plant in den kommenden Wochen Informationsveranstaltungen zu den Themen Einwanderung und Integration in Bozen, Bruneck, Welschnofen und Brixen. Dabei geht es um Sozialleistungen für eingewanderte Menschen, um die islamische Kultur, um Schule für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund und um das Leben unter Ausländern am Beispiel Luxemburg (wo 44,5% der Menschen einen Migrationshintergrund haben).

Laura Boldrini, die Sprecherin des UNHCR, des UNO-Hochkommissariates für Flüchtlinge, die zur heutigen Vorstellung extra nach Bozen gekommen ist und im Caritas-Dossier für die Flüchtlings-Beiträge verantwortlich zeichnet, ergänzte: „Auch das Recht auf Asyl muss gewahrt bleiben. Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, brauchen in Italien Unterstützung, Schutz und Hilfe beim Aufbau ihres Lebens und einer angstfreien Zukunft.“

Das Caritas-Dossier zur Einwanderung ist bei der Caritas in der Sparkassenstraße 1 in Bozen um 20 Euro erhältlich. Interessierte melden sich bei Heidi Kritzinger unter Tel. 0471 304 303.

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