Caritas schlägt Alarm: Schere zwischen Arm und Reich in Südtirol klafft immer weiter auseinander
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- 18.10.2010
Kategorie: Caritas-Aktionen
Erst am vergangenen Mittwoch hat die nationale Caritas den zehnten gesamtitalienischen Armutsbericht vorgelegt und auf die steigende Armut der Familien Italiens hingewiesen. 8,37 Millionen Menschen sind in Italien von Armut betroffen, 500.000 Menschen mehr als im Jahr zuvor. In Südtirol sind mehr als 80.000 Menschen von Armut betroffen. Die Armutsgefährdungsschwelle pro Person liegt in unserem Land bei 10.257 Euro pro Jahr. Die Armutsgefährdeten leben in 36.000 Haushalten. Wenn ein Haushalt weniger als 60% des Durchschnittswertes eines vergleichbaren Haushaltes zur Verfügung hat, besteht Armutsgefahr.
Anlässlich dieser Zahlen und des heurigen "Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung" weist die Caritas darauf hin, dass Armut krank, einsam und verzweifelt macht. „Armut bedeutet immer einen Mangel an Teilhabe“, erklären die Caritas-Direktoren Heiner Schweigkofler und Pio Fontana. Armut sei in Südtirol zwar kaum sichtbar, aber sie könne bei diesen Zahlen nicht mehr übergangen werden. „36.000 Familien müssen sich jeden Tag damit auseinander setzen, dass sie am gesellschaftlichen Leben nicht gleichberechtigt teilhaben können“. Das bringe soziale Ausgrenzung mit sich. Armut bedeute hierzulande zwar - auch dank der sozialen Abfederung seitens der öffentlichen Hand - nur in seltenen Fällen, um das nackte Überleben kämpfen zu müssen. „Aber wenn Armut als prekäre Lebenslage wahrgenommen wird, geprägt von finanzieller Knappheit, gesundheitlichen Schwierigkeiten, beengten Wohnverhältnissen und sozialem Ausschluss, dann bekommt Armut auch in Südtirol viele Gesichter“, erklären die Caritas-Direktoren. Und sie weisen darauf hin, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. „Die sozialen Probleme nehmen zu, wenn wir nicht mit vereinten Kräften gegen die zunehmende Armut ankämpfen“, sind Schweigkofler und Fontana überzeugt.
Sie plädieren für verstärkte Bildungs- und Präventionsarbeit, für intensivere Begleitung von Armuts-Betroffenen und Unterstützung für die besonders gefährdeten Kategorien wie Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Pensionisten mit Mindestrenten. Die Caritas bekämpft Armut in Südtirol mit verschiedenen Angeboten, mit Beratungsdiensten für Ver- und Überschuldete, für Menschen in Krisensituationen, mit Abhängigkeitserkrankungen und/oder psychischen Problemen, für Flüchtlinge und EinwandererInnen; mit Obdachlosenhäusern, einer Einrichtung für Haftentlassene, mit Essensausgaben und finanziellen Unterstützungsleistungen. Die Hilfe von Gesicht zu Gesicht ist einer der Grundsätze der Caritas. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Ziel. Die Wege dazu sind so vielfältig wie die Menschen selbst.
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Der Armutsbegriff wird nach „relativer“ und „absoluter“ Armut unterschieden.
Relative Armut ist ort-, zeit- und kontextabhängig. Sie betrifft Menschen, die im Vergleich zu den Mitmenschen im eigenen Land ein eingeschränktes Leben führen müssen und wird folgendermaßen definiert: Von einem relativ armen Haushalt spricht man dann, wenn die im Haushalt lebenden Personen mit weniger als 60% jenes Einkommens auskommen müssen, als ein gleich großer Haushalt im Durchschnitt zur Verfügung hat.
Absolut arm ist, wer arm oder unter dem physischen Existenzminimum lebt, sprich: Wer Hunger leidet. Allgemein gilt, dass Nahrung, Kleidung, Obdach und Gesundheitspflege zu den für die Lebenshaltung absolut notwendigen Gütern gehören. Armut kann ökonomisch definiert werden: Dann gelten Haushalte als arm, die im Vergleich zu anderen ungenügend mit finanziellen Mitteln ausgestattet sind. Wie der Haushalt seine Mittel einsetzt, liegt in seiner eigenen Verantwortung. In diesem Konzept wird Armut mit Einkommensarmut des Haushaltes gleichgesetzt. Armut soziokulturell zu definieren heißt, zusätzlich zur reinen Einkommensarmut auch andere zentrale Lebensbereiche zu berücksichtigen. Die wichtigsten sind Arbeit, Bildung, Wohnen, Gesundheit, soziale Kontakte und Freizeit.
Verantwortung von Arbeitgebern, Gesellschaft und Politik. Damit Armut in Europa deutlich reduziert werden kann, sind alle gesellschaftlichen Kräfte gefordert. Die Unternehmen sind gehalten, anständige und Existenz sichernde Löhne zu zahlen und auch wenig qualifizierten Menschen Arbeit anzubieten; die Gesellschaft muss den liberalen Grundsätzen der Chancengerechtigkeit, etwa in der Bildung oder im Gesundheitswesen zum Durchbruch verhelfen; die Politik hat für eine wirkliche soziale Existenzsicherung aller in Europa zu sorgen. Ohne diese minimalen Bedingungen wird es nicht gelingen, die Armut in Europa wirksam zu bekämpfen.
Armut macht krank. Der Zusammenhang zwischen sozialer Schichtzugehörigkeit und Gesundheit ist empirisch belegt. Wer in Armut lebt, ist häufiger krank, trägt ein deutlich höheres Risiko, invalid zu werden und hat eine um einige Jahre tiefere Lebenserwartung als jene, die sich in besseren Verhältnissen befinden. Die Gründe für diesen Sachverhalt liegen auf der Hand: Armutsbetroffene Menschen verrichten häufig körperlich beschwerliche und manchmal auch gefährliche Arbeiten, haben oft einen ungesunden Lebensstil und zu wenig finanzielle Mittel für die Erholung. Ihnen mangelt es auch an kulturellem Kapital, um diese Zusammenhänge zu erkennen und ein gesundheitsförderndes Verhalten anzunehmen. Allerdings genügen Appelle, das eigene Verhalten zu ändern, wenig. Vielmehr müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so gestaltet werden, dass alle Menschen gesund leben können.