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Armut bekämpfen: Verantwortung und Herausforderung für alle

by - 10.09.2010 Kategorie: Caritas-Aktionen
 
Mit einem fünf mal fünf Meter großen Banner am Landhaus 2 gegenüber des Zugbahnhofs in Bozens Zentrum rückt die Südtiroler Caritas das Thema Armut bis Jahresende in den Mittelpunkt. Armut ist nur gleichzustellen mit reduzierten finanziellen Ressourcen. Armut hat mit Einschränkungen in allen Lebensbereichen zu tun. Die Armuts-Dimensionen sind vielfältig und drücken sich genauso in sozialen, emotionalen, kulturellen und körperlichen Mängeln aus. Fachleute warnen: Armut ist kein individuelles Schicksal, sondern hat strukturelle Gründe. Daher setzt die Caritas Europa – und mit ihr die nationalen und diözesanen Caritas-Organisationen - mit der Kampagne “Zero poverty” auf gesellschaftspolitischer Ebene an. Es gilt, die Materie zu thematisieren und strukturelle Veränderungen vorzumehmen, um Armut wirksam zu bekämpfen.

Der Europäischen Union ist es bis heute nicht gelungen, das hochgesteckte Ziel, Armut in Europa zu reduzieren, auch nur annähernd zu erreichen. Einige Daten: 23,5 Millionen Europäer leben mit weniger als 10 Euro am Tag; fast 20% der Europäer fristen in nicht menschenwürdigen Behausungen ihr Dasein, fast jeder zehnte Europäer lebt von Arbeitslosengeld. 79 Millionen Menschen in der Europäischen Union sind von Armut bedroht; das sind 16% der Bevölkerung. Am stärksten von Armut betroffen sind Kinder (fast jedes fünfte in Europa) und alte Menschen. Die Hauptziele der Caritas-Petition sind daher die Verringerung bzw. Beseitigung von Kinderarmut in ganz Europa bis zum Jahr 2015; die Gewährleistung eines Mindeststandards an sozialer Sicherheit für jeden europäischen Bürger; der Ausbau des Sozial- und Gesundheitswesens in allen europäischen Ländern und die Sicherung von Arbeitsplätzen. Um Druck auf die europäische Kommission ausüben zu können, sammelt die Caritas auch in Südtirol Unterschriften für die Petition. Diese kann online unter www.zeropoverty.org unterschrieben werden. Als Ort für die heutige Vorstellung der Zero-poverty-Kampagne wurde der Bozner Bahnhofspark bewusst gewählt: “Gegenüber befindet sich der Südtiroler Landtag, wo ständig politische Entscheidungen getroffen und Gesetze erlassen werden“, erklären die Caritas-Direktoren. „Und hier in Bahnhofsnähe und im Park treffen wir immer wieder auf Menschen, die von verschiedenen Formen von Armut betroffen sind. Daher war es uns auch ein Anliegen, den Banner mit dem Logo in der Nähe anzubringen.“

Die Caritas bekämpft Armut in Südtirol mit verschiedenen Angeboten, mit Beratungsdiensten für Ver- und Überschuldete, für Menschen in Krisensituationen, mit Abhängigkeitserkrankungen und/oder psychischen Problemen, für Flüchtlinge und EinwandererInnen; mit Obdachlosenhäusern, einer Einrichtung für Haftentlassene, mit Essensausgaben und finanziellen Unterstützungsleistungen. Die Hilfe von Gesicht zu Gesicht ist einer der Grundsätze der Caritas. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Ziel. Die Wege dazu sind so vielfältig wie die Menschen selbst.

Jeder siebte Haushalt in Südtirol ist relativ arm. Mindestens 9.000 Personen erhalten vom Land Südtirol das soziale Mindesteinkommen und/oder einen Beitrag für die Miete. Dazu kommen eine Reihe weiterer sozialer Transferleistungen für besondere Gruppen, die Armut lindern oder verhindern sollen. Für diese 9.000 Armutsbetroffenen bietet das soziale Mindesteinkommen einen finanziellen Rettungsanker. Da aber rund 20.000 Menschen in Südtirol als „sehr arm“ einzustufen sind und zum Teil auch die Voraussetzungen für den Bezug des sozialen Mindesteinkommens erfüllen, bleiben viele freiwillig außen vor. Sie melden sich nicht und können nicht berücksichtigt werden oder ziehen es vor, sich anderweitig um Hilfe und Unterstützung zu bemühen.

„Armut ist oft erst auf den zweiten Blick sichtbar“, erklärt Petra Priller, die Leiterin der Caritas Schuldnerberatung. Arm sein in Südtirol heiße, viel weniger Geld zur Verfügung zu haben, als der Durchschnitt der Bevölkerung. Und das bedeute Einschränkungen in allen Lebensbereichen. „Da sind beispielsweise Rentner, die sich die Reparatur ihrer Zahnprothese oder nötige gesundheitsfördernde Therapien nicht leisten können; Kinder, die am Klassenausflug nicht teilnehmen können, weil das Geld dafür fehlt; Jugendliche, die wegen Geldmangels auf sportliche und kulturelle Aktivitäten mit Gleichaltrigen verzichten müssen; junge Erwachsene, die nicht studieren können, weil ihre Eltern sie finanziell nicht unterstützen können.“ Arm sein in Südtirol sei nicht lebensbedrohlich, so Priller doch von ‚relativer Armut’ betroffene Menschen - laut ASTAT-Befragung von 2003 14,9% der Südtiroler Haushalte - können mit den Lebensstandards ihrer Umgebung nicht mithalten. Das, so Priller, hat oft schwerwiegende Folgen: psychische Belastungen, Ängste, Scham, familiäre Probleme, Kontaktarmut, Vereinsamung und Depression. Von relativer Armut betroffene Haushalte müssen mit einem Einkommen von weniger als 60% des durchschnittlichen Einkommens vergleichbarer Haushalte auskommen.

„Von Armut in Südtirol betroffen sind vor allem ältere Menschen mit nicht ausreichender Rente, Menschen mit mangelnder Berufsausbildung, chronisch kranke Menschen, Familien mit mehreren Kindern und nur einem (geringen) Einkommen, Alleinerziehende, EinwandererInnen und Menschen mit mehrfachen Belastungen“, erklärten heute die Caritas-Verantwortlichen. Und sie wiesen darauf hin, dass Armut vielfach vererbbar sei. Kinder, die aus armen Familien stammen, seien als Erwachsene vielfach selbst wieder arm. Heißt: einmal arm, immer arm.

„Jeder kann Armut bekämpfen, jeder nach seinen Möglichkeiten“ so Heiner Schweigkofler und Pio Fontana. Sie weisen zum einen auf das Unterschreiben der Armutspetition der Caritas hin; auf den achtsamen und respektvollen Umgang miteinander; auf die Unterstützung des fairen Handels und lokaler Anbieter; auf Spenden statt Geschenke und auf freiwilliges soziales Engagement.

Zudem hat die Caritas Europa das Zero-poverty-Logo auch als Anstecknadel entwickelt. Diese kann als sichtbares Zeichen im Kampf gegen die Armut bei der Caritas (Sparkassenstraße 1, Bozen, Tel. 0471 304 300, E-Mail: info@caritas.bz.it) angefordert werden.

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