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Abruzzen: ein Jahr nach der Katastrophe

by - 06.04.2010 Kategorie: Katastrophenhilfe
 
6. April 2009, 3.32 Uhr morgens: das erste und stärkste von insgesamt 11.000 seitdem registrierten Beben trifft die Stadt L’Aquila und die umliegenden Dörfer. 308 Menschen sterben, mehr als 66.000 Menschen sind vermisst, über die Hälfte der Häuser ist zerstört oder stark beschädigt. Die Augen der Öffentlichkeit sind auf die Stadt gerichtet, eine Welle der Hilfe und Solidarität aus ganz Europa erreicht die Menschen im Katastrophengebiet. Allein in Südtirol haben mehr als 3.500 Südtiroler SpenderInnen bis heute über 785.000 Euro auf die Konten der Caritas überwiesen. Jetzt, zwölf Monate danach ist das Leben der Menschen noch immer noch geprägt von der Katastrophe. Eine vor zwei Wochen von der Caritas durchgeführte Befragung hat ergeben, dass die Ängste und das Gefühl der Ohnmacht in den Köpfen noch stark verankert sind. Zwar gibt der langsam voran schreitende Wiederaufbau neue Hoffnung, doch das lange Warten auf ein längerfristiges Zuhause, die räumliche Trennung von Verwandten und Nachbarn, die Einsamkeit und Entwurzelung machen den Menschen zu schaffen. In den riesigen Wohnblöcken der so genannten „New town“ haben zwar viele, die ihr Zuhause durch das Beben verloren haben, eine sichere Unterkunft, doch Gemeinschaftsstrukturen fehlen. Vor allem ältere Leute sind aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen; sie vermissen ihre früheren Nachbarn und Freunde. Die Stadt, die ein Leben lang ihre Heimat war, ist ihnen jetzt fremd.

Auf den diversen Baustellen in der Stadt arbeiten Hunderte von provinzfremden Handwerkern und Technikern. Die meisten von ihnen haben keine Unterkunft. „Viele arbeiten tagsüber in der Stadt und suchen sich über Nacht einen Platz zum Schlafen in den halb eingestürzten Häusern der so genannten ‚Roten Zone’, auch wenn das gefährlich ist“, erzählen die Menschen, die sich im einzigen Supermarkt von „New town“ treffen.

Die Südtiroler Caritas ist gleich nach dem ersten Beben in L’Aquila aktiv geworden. Im Verbund mit weiteren 14 norditalienischen Diözesancaritas-Stellen konzentriert sie ihre Hilfe auf mehrere Fraktionen im Hinterland von L’Aquila. In Pettino wurde nach dem Beben ein großes Küchenzelt errichtet. Jeden Tag bereiteten die HelferInnen dort 800 Mahlzeiten für die BewohnerInnen der Zeltstädte zu. 250 Menschen konnten dort gleichzeitig essen. In den Folgemonaten wurde in der Fraktion Roio Poggio ein Schulzentrum für insgesamt 150 Kinder errichtet. Fünf Volksschulklassen und zwei Kindergartengruppen sind dort untergebracht. Ihnen stehen Klassenräume, eine Küche, eine Mensa, zwei Technikräume und ein Gemeinschaftssaal zur Verfügung. In der Fraktion Bagno wurde ein Gemeinschaftszentrum mit Mehrzweckräumen erbaut, ein Dreh- und Angelpunkt für alle Altersgruppen, an dem soziale Beziehungen gefestigt werden können. In der Fraktion Pettino wird ein zweistöckiger Sozialwohnbau errichtet. Im Parterre befinden sich zwölf Zimmer für StudentInnen, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen, sechs Bäder, eine Gemeinschaftsküche, ein Essraum und eine Bibliothek. Im Stock darüber wurden sechs Wohneinheiten für ältere Ehepaare zu je 44 m² eingerichtet, bestehend aus Wohnküche, Schlafzimmer und Bad. Der Bau hätte bereits vor Monaten fertig gestellt werden sollen, doch ein dafür nötiges Zertifikat, das von den Behörden drei Monate zu spät ausgestellt wurde, hat den Bau verzögert. Insgesamt setzt die Südtiroler Caritas für den Wiederaufbau 565.000 Euro ein. Der übrige Teil der Spenden wird zur Unterstützung klein strukturierter Landwirtschafts- und Handwerksbetriebe verwendet. „Sobald die Bedürfnisse der Familien genau eruiert sind, wollen wir ihnen gezielt mit Kleinkrediten zur Seite stehen, damit ihnen nach dem verheerenden Erdbeben nicht das finanzielle Aus droht“, betont der Caritas-Verantwortliche für die Katastrophenhilfe, Fabio Molon. Auch die Unterstützung durch Freiwillige, die vor einem Jahr in den Zeltstädten begonnen hat, geht weiter. Die Freiwilligen kümmern sich um die Menschen, die noch immer unter Ängsten leiden, machen Besuchsdienste und helfen bei der Trauerarbeit. Außerdem fördern sie die Nachbarschaftshilfe und versuchen so, ein soziales Netz aufzubauen.

Bis Ende April wird ein 15minütiger Dokumentarfilm über die Situation in L’Aquila ein Jahr nach der Katastrophe zur Verfügung stehen. Er wird im Auftrag der Caritas Nordest und unter Begleitung von Nicola Gambetti derzeit vom Filmstudio Penn (Kastelruth) fertig gestellt. Mit eindrucksvollen Bildern und zahlreichen Interviews mit Betroffenen gibt der Dokumentarfilm die Schwierigkeiten, die Ängste, aber auch die Hoffnung der Menschen im Katastrophengebiet wieder, die trotz ihrer Trauer an die Zukunft glauben.

Allgemeine Fakten und Zahlen zum Wiederaufbau in den Abruzzen.

Laut den Daten des Beauftragten für den Wiederaufbau lebten am 22. März 2010 insgesamt 14.657 Menschen in riesigen, von der Regierung errichteten Wohnblöcken. Weitere 1.837 Frauen, Männer und Kinder wohnen noch in vorübergehend aufgebauten Holzhäusern. Viele andere müssen noch warten, bis ihre Häuser renoviert oder neue gebaut werden. 794 von ihnen sind in zwei Militärkasernen in L’Aquila untergebracht, 4.110 in Mietwohnungen der Gemeinde, 4.608 leben in Hotels und Pensionen außerhalb der Provinz und weitere 27.316 haben selbst neue Wohnmöglichkeiten gefunden, für die sie im Monat 300 bis 600 Euro Mietkostenzuschuss vom Staat erhalten. Über 17.000 Menschen sind arbeitslos; die meisten der kleinen und mittleren Handels- und Handwerksbetriebe konnten ihre Aktivitäten noch nicht wieder aufnehmen.
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