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Essen ist keine Privatsache

Unser Ess- und Konsumverhalten wirkt sich auf das Leben anderer Menschen aus. Darin sind sich die Wissenschaftler auf der ganzen Welt einig. Überfluss und Verschwendung in den Industrienationen verschärfen den Hunger in den Entwicklungsländern. Jeder Europäer und Amerikaner wirft im Schnitt jährlich 100 Kilogramm noch genießbarer Lebensmittel weg. Was auf dem Müll landet, fällt aber aus der globalen Ernährungskette hinaus. Wertvolles Ackerland, Wasser und menschliche Arbeitskraft, die zur Produktion von Nahrungsmitteln nötig sind, werden vergeudet. Was in Europa weggeworfen wird, fehlt in anderen Teilen des Globus. Die Folgen für die Menschen in den Entwicklungsländern sind fatal.

 

Die Preise für Lebensmittel steigen

Die Lebensmittelkette ist global. Wenn Lebensmittel in Europa und Amerika im Müll landen, wirkt sich das auf den Weltlebensmittelmarkt aus: Es gibt dann weniger Reis, Weizen, Raps oder Speiseöl und das allein lässt die Preise ansteigen. Heute sind Lebensmittel weltweit so teuer wie nie zuvor. Der Lebensmittel-Preisindex der FAO (Food and Agriculture Organization) war mit 227,6 Punkten im Jahr 2011 auf dem höchsten Stand seit seiner Einführung im Jahr 1990. Diese Anstiege treffen vor allem die Menschen in den Entwicklungsländern. Sie geben durchschnittlich 50 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, Europäer zwischen 15 und 20 Prozent. Durch die Preisanstiege hat sich die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, um beinahe 70 Millionen erhöht.

Kleinbauern machen die Hälfte der hungernden Weltbevölkerung aus. Sie können von den steigenden Preisen nicht profitieren, denn sie unterliegen dem Diktat der internationalen Finanzmärkte. Zum einen müssen sie Saatgut kaufen und Nahrungsmittel, die sie nicht selbst anbauen. Zum anderen können sie ihre Produkte nur zur Erntezeit verkaufen – auch wenn die Preise da gerade im Keller sind.

 

Landraub für unseren Konsum

Viele Kleinbauern in den Entwicklungsländern verlieren ihre Existenzgrundlage, weil wohlhabende Staaten, Konzerne und Investmentgesellschaften im großen Stil Agrarflächen aufkaufen. Nach den Angaben von FIAN (FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk) wurde allein zwischen Oktober 2008 und Juni 2009 über insgesamt 46,6 Millionen Hektar Land verhandelt. Drei Viertel davon liegen in Afrika. Was dort angebaut wird, dient nicht dazu, die Menschen im Land zu ernähren, sondern wird exportiert – auch aus Ländern, in denen Hunger herrscht. Neben Nahrungsmitteln für die Supermärkte in den Industrieländern werden auch Tierfutter und Energiepflanzen angebaut. Über die Hälfte der Weltproduktion von Reis, Weizen und Mais wird an Tiere verfüttert, zu Agrarsprit raffiniert oder verbrannt und als Biomasse zur Stromerzeugung genutzt.

 

Fleisch ist Lebensmittelverschwender Nummer eins

Seit den 1970iger Jahren hat sich der weltweite Fleischkonsum verdoppelt. Das führt dazu, dass mittlerweile ein Großteil der weltweiten Getreide- und Sojaernte zu Viehfutter verarbeitet wird. Laut der FAO-Studie „Der lange Schatten der Tierzucht“ werden rund 30 Prozent des eisfreien Landes direkt oder indirekt für die Viehzucht genutzt. Je nach Tierart und Futter werden bis zu 16 Kilo Getreide zur Herstellung eines einzigen Kilogramms Fleisch benötigt. Die angestiegene Fleischproduktion belastet auch die Umwelt: Laut der FAO-Studie erzeugen die Nutztiere 18 Prozent der weltweit freigesetzten Treibhausgase – mehr als der gesamte menschliche Transportbereich Autos, Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge zusammen.

 

Nur das Beste bleibt in Europa

Was die Konsumenten in Europa verschmähen, wird zu Dumpingpreisen vor allem in afrikanische Länder weiterverkauft und zerstört dort die Lebensgrundlagen bäuerlicher Gesellschaften. Deutlich wird das am Beispiel von Ghana, das die FIAN untersucht hat. Dort versorgten bis in die 90er Jahre heimische Landwirte fast den gesamten Markt mit Hühnerfleisch. In den Jahren 2001 bis 2003 setzte aber eine Importflut tiefgefrorener Hühnerteile ein, für die es in Europa keinen Markt gab: Flügel, Hälse, Innereien und Füße. Allein 2003 wurden in Westafrika 39.200 Tonnen Hühnerfleisch aus aller Welt um 1,50 Euro angeboten, während das lokal produzierte Fleisch 2,60 Euro kostete. Dadurch ist die Geflügelindustrie in Ghana fast vollständig zusammengebrochen. Heute werden jährlich etwa 30.000 Tonnen Fleisch aus Europa nach Westafrika transportiert –mit Fördergeldern der Europäischen Union, die Exportprodukte subventioniert. Dadurch verlieren 210.000 Menschen in diesen Ländern ihren Arbeitsplatz.

 

Klimakiller Lebensmittel

Die Produktion von Lebensmitteln braucht große Mengen an Energie, die großteils aus fossilen Brennstoffen kommt: für die Züchtung des Saatgutes, die Bearbeitung des Bodens und die Aussaat, für Dünger und Pflanzenschutzmittel, Ernte, Verfütterung und Weiterverarbeitung, Tiefkühlung, Transport, Lagerung, Warenpräsentation in den Supermärkten und Entsorgung des entstehenden Mülls. Nach Angabe des Weltklimarats IPCC stammen rund 14 Prozent aller von Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft. Dabei sind jene Gase noch nicht berücksichtigt, die bei der Produktion und dem Transport von Futtermitteln aus anderen Ländern anfallen.

Das Forschungsinstitut der schwedischen Lebensmittelindustrie (SIK) hat errechnet, dass die Produktion der ungenutzten Lebensmittel, die im Müll landen, soviel Kohlenstoffdioxid verbrauchen wie 700.000 Autos. Würden die Schweden weniger verschwenderisch mit Essen umgehen, hätte dies denselben Effekt, als wenn jedes sechste Auto von Schwedens Straßen verschwinden würde. Werden Lebensmittel weggeworfen, geht die Produktion der klimaschädlichen Gase weiter. Bei deren Zersetzung entsteht Methan, das in der Atmosphäre 25 Mal so stark wirkt wie CO2. Der Müllforscher Timothy Jones hat errechnet, dass rund 15 Prozent aller Methan-Emissionen weltweit vom Lebensmittelmüll herrühren. Die Folgen der Emissionen sind klimatische Veränderungen, die sich vor allem auf die Länder des Südens auswirken. Die Temperatur auf der Erdoberfläche steigt an, Niederschläge werden seltener. Es kommt vermehrt zu Wirbelstürmen, Überschwemmungen durch mehr Schmelzwasser, Hitzeperioden und Trockenzeiten.


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